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DEUTSCHE MYTHOLOGIE

VON JACOB GRIMM.

ZWEITE AUSGABE

Z WEITER BAND.

GÖTTINGEN

DIETERICHSCHE BUCHHANDLUNG

1844.

CAP. XXI. BÄUME UND TAIERE.

Da nach der ansicht des heidenthums die ganze natur für lebendig galt *), den thieren sprache und verständnis menschlicher rede, den pflanzen empfindung zugegeben, unter allen geschöpfen aber vielfacher wechsel und übergang der gestalten geglaubt wurde; so folgt von selbst, dass einzelnen ein höherer werth beigelegt, ja dieser bis zur göttlichen verehrung gesteigert werden konnte. götter und menschen wandelten sich in bäume, pflanzen oder tbiere, geister und elemente nahmen thierformen an; es lag nahe den cultus, dessen sie theilhaft waren, der abgeänderten besonderheit ihrer erscheinung nicht zu entziehen. unter diesen gesichtspunct gebracht hat eine verehrung der bäume oder thiere nichts befremdliches. roh geworden ist sie nur dann, wenn im bewustsein der menschen das höhere wesen hinter der angenommenen form schwand und diese nun allein es zu vertreten hatte.

Von göttlich verehrten gewächsen und geschöpfen zu unterscheiden sind aber solche, die heilig und hoch gehalten wurden, weil sie in näherem bezug zu göttern oder geistern standen. dahin gehören zum opfer dienende pflanzen oder thiere, bäume, unter denen höhere wesen wohnen, thiere, welche sie begleiten.

Reclass at 31. amb

*) am beziehungsvollsten drückt es der eddische mythus von Baldr aus: dem geliebten gott alle drohende gefahr abzuwenden, nabm Frigg eide von wasser, feuer, erde, steinen, gewächsen, thieren, vögeln, gewürmen, ja von den persönlich gedachten seuchen, dass sie seiner schonen wollten; einem einzigen strauch erliess sie den schwur, weil er zu jung war. Sn. 64. Um den todten Baldr weinen hernach alle geschöpfe, menschen, thiere, pflanzen, steine. Sn. 68. Der alts. dichter des Hel. nennt die stumme natur das unquet handiund er drückt sich 168, 32 so aus: that tbar waldandes dôd unquet handes sô filo antkennian scolda, that is endagon ertha bivoda, brisidun thia hôhun bergos, harda stênos clubun, felisos after them felde. zwar sind diese naturereignisse biblisch (Matth. 27, 51. 52), doch möglicherweise schwebte dem verfasser (wie s. 134. 284) eine heidnische vorstelllung in gedanken, bier die klage um Balder der um den heiland ähnlich. Herbort lässt alles den Hector bejammern: bätten, sagt er 68a, steine, zinnen, kalk und sand witz und sinn, würden sie auch geklagt haben. Ebenso tief in der menschlichen natur gegründet ist, dass der unglückselige sein leid den felsen, bäumen und wäldern klage; das ist schön ausgesprochen in dem lied Ms. 1, 3b und alle, denen bier geklagt worden war, erbieten sich

zu bilfe.

258058

Beiderlei arten lassen sich kaum trennen, weil ungenaue, unvollständige nachrichten nicht zu erkennen geben, welche gemeint sei.

In wie hohem ansehn WÄLDER und BÄUME bei den heidnischen Deutschen standen hat schon das vierte cap. gezeigt. einzelnen gottheiten, vielleicht allen, waren haine, in dem hain vermutlich noch besondere bäume geweiht. ein solcher hain durfte nicht von profanen betreten, ein solcher baum nicht seines laubes, seiner zweige beraubt und nie umgehauen werden *). Auch einzelnen dämonen, elben, wald und hausgeistern sind bäume geheiligt (s. 476).

Nähere schilderungen, wenn sie auf uns gekommen wären, würden manches wissenswerthe von der hegung und unterhaltung heiliger wälder, von den darin began gnen opfern und festen mittheilen. Im indiculus paganiarum heisst es 'de sacris silvarum, quae nimidas vocant. der deutsche ausdruck scheint mir unverderbt, darum nicht leichter verständlich: es ist ein plur. masc. vom sg. nimid **), wir müsten von sämtlichen bedeutungen unterrichtet sein, deren das einfache verbum neman ters fähig war, um den sinn des Wortes treffen. ist das deutsche nimu, wie es allen anschein hat, einerlei mit véuw, so mag sich auch nimid dem gr. vélos und lat. nemus vergleichen: weidetrift, wald mark, sacrum silvae ***). urkunden von 1086 und 1150 geben einen orts

vor al

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*) sacrum nemus, nemus castum bei Tacitus. Ovid. amor. III. 1, 1:

stat vetus et multos incaedua silva per annos,

credibile est illi numen inessa loco:
fons sacer in medio, spelunca que pumice pendens,

et latere ex omni dulce queruntur aves.
Lucan. phars. 3, 399: lucus erat longo nunquam violatus ab aevo.
So der semnonische wald, das nemus der Nerthus, der slavische lu-
cus Zutibure, der, preussische hain Romowe. Bei den Ehsten gilt
für ruchlos, im heiligen bain auch nur ein blatt abzubrechen: so weit
sein schatten reicht (ut umbra pertingit. RA. 57. 105) nehmen sie
nicht einmal eine erdbeere weg; manche begraben heimlich ihre tod-
ten dahin (Petri Ehstland 2, 120). solche wälder nennen sie hio und
davon heisst die insel Dagdö ehstn. Hiomah, weil neben dem bof
Hiohof nahe ein geweibter wald liegt. (Thom. Hiärn).

**) wie helid (heros) gimeinid (communio) frumid pl. frumidas (ags. frymdas, primitiae), barid (clamor, das ich aus Tac. baritus folgere).

***) könnte nimid heidnischer ausdruck sein für opfer? abnemen heisst im 13 jh. mactare, schlachten (vom vieh gebraucht) Berthold p. 46 wie wir noch heute abthun, abschneiden sagen, Ulf. ufsneiþan; Schmids schwäb. wb.405 abnehmen, geflügel abschlachten. diese

namen Nimodon, Nimeden (Mösers osnabr. gesch. no. 34. 56), diese analogie kann weiter leiten.

Unter einzelnen heiligen bäumen hat gewis eine zeitlang nach der bekehrung das volk fortgefahren lichter anzuzünden und kleine opfer darzubringen, wie es sie noch heute bekränzt, und reigen darunter führt (s. 51). das hiefs in den kirchlichen verboten: ‘vota ad arbores facere aut ibi candelam seu quodlibet munus deferre, arborem colere, votum ad arborem persolvere, arbores daemonibus consecratas colere, et in tanta veneratione habere, ut vulgus nec ramum nec surculum audeat amputare'. das ist das ags. treovveorđung (cultus arborum), das alın. blôta lundinn. Landn. 3, 17. Die acta Bened. sec. 2. p. 841 berichten: ‘adest quoque ibi (zu Lutosas, heute Leuze) non ignoti miraculi fagus, subter quam luminaria saepe cum accensa absque hominum accessu videmus, divini aliquid fore suspicamur'. So nutzte die kirche den aberglauben für ihre wunder: an der stelle des baums wurde ein kloster gestiftet. Von den heutigen Ehsten wird in Rosenplänters beitr. 9, 12 erzählt: noch vor einigen jahren opferten sie im kirchspiel Harjel in der Georg, Johannis und Michaelisnacht unter einigen bäumen, d. h. sie schlachteten ein schwarzes huhn). Von der heiligen eiche des donnergottes wurde s. 63. 64. 156. 168 berichtet, und gramm. 2, 997 der ahd. ausdruck scaldeih (ilex) den ags. pflanzennamen scaldhyfel, scald-, þyfel und dem auch oben s. 83 angeführten scaldo verglichen. das alles ist noch unsicher und bedarf näheren aufschlusses.

Bei den Langobarden kommt die verehrung des sogenannten blutbaums oder heiligen baums vor (oben s. 90). genaueres davon meldet die vita sancti Barbati in den actis sanctor. vom 19 febr. p. 139. Der heilige (geb. um

bedeutung wird nicht in der partikel liegen, nur im worte selbst beruhen: niman, neman wäre also schneiden, schlachten, theilen. nimidas wären im heil. bain, unter bäumen geschlachtete opfer? vgl. was im text über den langobard. opferbaum gesagt wird. Celtische etymologien scheinen für diesen offenbar sächsischen indiculus weniger gerecht schon Adelung (Mithrid. 2, 65. 77) verglich Nemetes und nemet (templum), naomh ist ir. sanctus, neamh (gen. nimbe) coelum, neimheadh geweibtes, der kirche gehöriges land.

*) nach dem aberglauben der lausitzischen Wenden gibt es wälder, die jährlich ein menschenopfer fordern (gleich den flüssen, oben s. 462): es muss ein mensch darin sein leben lassen, hohla dyrbi kojz'de ljeto jeneho cz'loweka mjecz'. (lausitz. mon scbr. 1797 p. 748).

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