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Das Verhältniss des Livius und Dionysius von Haikarnass zu einander

und zu den ältern Annalisten.

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Zu derselben Zeit, wo durch Livius Andronicus, Nāvius, Ennius und Plautus der Grund zu der poetischen Literatur der Römer gelegt wird, beginnt auch die Geschichtschreibung der Römer mit Q. Fabius Pictor und L. Cincius Alimentus. Aber sogleich bei den ersten Anfängen dieser verschiedenen Zweige der Literatur zeigt sich der grosse Unterschied, dass die Poesie nur von Sclaven oder wenigstens von Männern der geringsten Bürgerklasse ausgeübt wird, während die Geschichtschreibung eine Nebenbeschäftigung der angesehensten Männer bildet, welche die höchsten Ehrenstellen bekleiden und ihre Hauptaufgabe in der Verwaltung der bedeutendsten Staatsgeschäfte finden. Erst die Kaiserzeit verwischte diesen Gegensatz, indem sie eine besondere Klasse von Literaten ins Leben rief, die sich je nach Neigung und Befähigung der einen oder der andern Literaturgattung zuwandten.

Ein weiterer Unterschied zwischen den Anfängen der Poesie und der Geschichtschreibung besteht darin, dass die letztere mit Productionen in griechischer Sprache beginnt, weil auf der einen Seite die lateinische Sprache für die Poesie noch nicht die nöthige Ausbildung erlangt haben mochte und auf der andern Seite die vornehmen Römer schon damals die griechische Sprache ziemlich allgemein kannten und in deren Gebrauch zugleich eine Befriedigung ihrer Eitelkeit fanden. Wenigstens ist es durch die bestimmtesten, glaubwürdigsten Zeugnisse erhärtet, dass die genannten ältesten Geschichtschreiber sich der griechischen Sprache bedienten, die dadurch nicht entkräftet werden können, dass sich auch lateinische Bruchstücke eines Fabius Pictor oder eines Q. Fabius angeführt finden, da uns durchaus nichts hindert, diese Bruchstücke andern Autoren von den angeführten Namen zuzuschreiben. Erst der ältere Cato machte den Anfang mit dem Gebrauch der lateinischen Sprache für die Geschichtschreibung, und that diess nicht nur selbst, sondern suchte zugleich auch Andere dazu zu bewegen, indem er in seinem Eifer für alles Nationale auf jede Art gegen die griechische Sprache und somit auch gegen ihre Anwendung bei der Geschichtschreibung ankämpste. Es ist z. B. bekannt (und eben hierin dürfte auch ein weiterer Beweis für unsere Behauplung zu suchen sein, dass die Geschichte bis dahin nur griechisch geschrieben worden), wie er den A. Postumius Albinus verspottete, der noch zu seiner Zeit eine Geschichte in griechischer Sprache schrieb und sich wegen der Unvollkommenheit seines griechischen Ausdrucks mit seiner mangelhaften Kenntniss der Sprache entschuldigte. Seitdem bedienten sich auch die Geschichtschreiber vorzugsweise, wenn auch keineswegs ausschliesslich der lateinischen Sprache.

Die mit Fabius Pictor und Cincius Alimentus beginnende Reihe von Geschichtsschreibern geht ungefähr bis zum Zeitalter der Gracchen herab, mit welchem überhaupt eine erste Periode der römischen Literatur abschliesst. Seit dieser Zeit kommen wie von allen Zweigen der Literatur, so auch von der Geschichtschreibung nur einzelne Nachklänge, überdem meist nicht in umfassenden Geschichtswerken, sondern nur in Aufzeichnungen der eigenen Erlebnisse bestehend vor, bis die Geschichtschreibung in den letzten Jahrzehnten der Republik wieder mit Salustius anhebt (der seinem Geschichtswerke, wie man sich erinnern wird, eine Entschuldigung wegen seiner Schriftstellerei vorauszuschicken für nöthig erachtet hat) und dann unter Augustus ihren (wenigstens nächst Tacitus) glänzendsten Vertreter in T. Livius findet.

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Jene ganze Reihe von Schriftstellern nun pflegt man unter dem Namen der Annalisten zusammen, zufassen. Im Allgemeinen ist von denselben zu sagen, dass sie sich darauf beschränken, das Thatsächliche schlicht und einfach ohne alle Reflexion zu berichten, dass ihre Darstellung, wie es die Zeiten nicht anders erlaubten, hart und rauh ist und überhaupt dem.sirengen, sogenannten alterthümlichen Stile angehört, dass sie aber gleichwohl (oder, wie vielleicht richtiget. zv. sågen, eben desshalb) einen nicht geringen Grad von Anschaulichkeit und Deutlichkeit erreicht. Wir können diess mit hinlänglicher Sicherheit aus den zwar nicht zahlreichen, aber doch für dięsen: Zweck vollkommen ausreichenden Bruchstücken erkennen, die uns namentlich durch Gellius von ihnen erhalten sind, und wollen beispielsweise nur auf die (weiter unten theilweise mitzutheilende) Darstelluny von dem Zweikampfe des Manlius Torquatus hinweisen, die uns derselbe Gellius aus den Aạnaler:des Claudius Quadrigarius erhalten hat und hinsichtlich deren wir gewiss in das folgende, ebenfalls von:Gellius mitgetheilte Urtheil des Philosophen Favorinus einstimmen werden: Quem locum ex eo libro Favorinus philosophus cum legeret, non minoribus quati afficique animum suum motibus pulsibusque dicebat, quam si ipse coram depugnantes eos spectaret. *)

Man hat hier und da gemeint, dass diese Geschichtswerke in nichts als in kurzen Abrissen bestanden hätten, weil Dionysius von Halikarnass (I, 6) diess zu sagen scheint und weil auch Cicero (de Or. II, 12. de Legg. I, 2) sie matt und dürftig nennt. Allein Beider Tadel bezieht sich nur eines Theils auf den fehlenden Pragmatismus (den auch Polybius III, 32, 6 vermisst), andererseits auf den Mangel an rhetorischen Vorzügen, und ausserdem ist hinsichtlich des Dionysius noch zu berücksichtigen, dass ein Schriftsteller recht füglich noch ausführlich genug sein konnte, wenn er auch den Dionysius in dieser Hinsicht bei Weitem nicht erreichte und mit dessen Massstab gemessen kurz und dürftig erschien. Dass die Annalisten in der That ausführlich genug waren, um deutlich und anschaulich zu sein, geht nicht nur aus den schon erwähnten Bruchstücken hervor, sondern ist auch noch aus den Angaben über die Zahl der Bücher und über die Stellen, wo einzelne Thatsachen erzählt waren, zu entnehmen. So wissen wir z. B., dass die Gründung von Alba Longa bei Cincius Alimentus erst im zweiten Buche erzählt war und das dieser Vorausgehende sonach mindestens ein ganzes Buch füllte. **)

Eben diese Annalisten aber – und diess ist der erste Satz, für welchen wir in gegenwärtiger Abhandlung den Beweis zu führen wünschen stimmen mit Ausnahme dessen, was sie etwa über die ihnen zunächst liegenden Ereignisse Neues hinzufügen, in vielen Parthien im Wesentlichen völlig überein, und zwar in der Weise, dass sie den Kern der Darstellung mit geringen Abänderungen, oft aber auch bis auf die Worte herab unverändert von ihren Vorgängern entlehnt haben.

Wir müssen, um unseren Lesern diesen Satz näher zu führen, zuvörderst daran erinnern, dass die Vorstellungen vom Plagiat vor Erfindung der Buchdruckerkunst aus leicht ersichtlichen Gründen ganz andere waren als gegenwärtig, sodann aber auch daran, dass überhaupt, je weniger bei einem Volke oder bei einem Einzelnen das Selbstbewusstsein entwickelt ist, ein un so engerer Zusammenhang zwischen Form und Inhalt des Gedachten stattzufinden pflegt, und dass insbesondere auf dem Gebiete der Geschichte die Thatsachen selbst in der Regel auch an eine bestimmte Form der Darstellung geknüpft sind und erstere daher gewöhnlich zusammen mit der letzteren überliefert werden. Desshalb findet sich bekanntlich in den Chroniken unseres Mittelalters oft eine und dieselbe Notiz zwanzig und mehrere Male beinahe mit denselben Worten wiederholt, und nicht allein diess, sondern es ist auch so ausgezeichneten Geschichtschreibern, wie z. B. Guicciardini, nachgewiesen worden, dass sie ihren Vorgängern parthienweise Wort für Wort gefolgt sind. ***)

*) Wir wollen hierbei noch bemerken, dass Claudius Quadrigarius zwar zu den jüngsten unter den Annalisten gehört, dass aber Cicero (de Legg. I, 2) hinsichtlich seiner Dürftigkeit und Nüchternheit ihn ausdrücklich den ältesten unter ihnen an die Seite stellt.

**) Krause, vitae et fragm. vet. hist. Rom., p. 65. Lachmann, de fontibus Livii, disp. I. S. 27.
***) S.L. Ranke, zur Kritik neuerer Geschichtschreibung, S. 9 seq. Roscher, Leben, Werk und Zeitalter des Thukydides, S. 119.

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